Jahreskonferenz Kultur- und Kreativwirtschaft 2011 am 11.11.11

Eingang des axica Kongresszentrums

Obwohl die Konferenz ausgebucht war wagte ich den Versuch, an der Jahreskonferenz Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) am 11.11. im Kongresszentrum axica am Brandenburger Tor in Berlin teilzunehmen. Ich hatte Glück und kam noch rechtzeitig zur Begrüßung und den anschließenden „Impulsräumen“:

  1. Creative Stage: „Kreativ arbeiten mit Erfolg! – Kultur- und Kreativwirtschaft, entdeckt, aber genutzt?“
  2. Kreativstammtisch: „Innovation für alle! Transformer und Performer, geht mehr? und
  3. Design Thinking Workshop: „Neue Impulse braucht das Land! Kultur- und Kreativwirtschaft, Business as (un)usual?“

Reinhild Kuhn (links) erklärt "Creative Stage"; rechts: Moderatorin und Medienexpertin Nadine Portillo

Am liebsten hätte ich alle drei Sessions besucht, denn alle Themen und Formate klangen vielversprechend, außerdem hätte ich gerne die Gehry Lounge besichtigt, wo der Design Thinking Workshop stattfand. Angesichts der langen Schlangen vor den Fahrstühlen entschied ich mich jedoch, unten im Forum zu bleiben, wo Reinhild Kuhn, Geschäftsführerin der Dortmunder Agentur Heimatdesign, das Format „Creative Stage“ vorstellte. Es ähnelt dem 2003 in Tokyo „erfundenen“ Pecha Kucha, das seit längerem auch hier in Berlin praktiziert wird. Beide Formate bieten Akteuren die Chance, innerhalb von nur acht Minuten (bei Pecha Kucha 20*20 Sekunden) auf der Bühne ihr Projekt vorzustellen. So erleben die Zuschauer ein wahres Präsentationsfeuerwerk – eine Herausforderung für die Akteure, ihr Thema in kürzester Zeit auf den Punkt zu bringen. Für den Medienkünstler Sebastian Fleiter, einem der im Vorjahr ausgezeichneten Kreativpiloten, kein Problem: auf der Creative Stage stellte er in acht Minuten sein Kreativ-Business „The Electric Hotel“ vor.

Sebastian Fleiter auf der "Creative Stage" - rechts läuft die Zeit: 8 Minuten pro Sprecher

Bei diversen Festivals war dem Musik-Fan aufgefallen, dass es auf dem Gelände kaum Steckdosen gab, allenfalls im Sanitärbereich zum Anschließen eines Haartrockners. Der Anblick der Menschen, die dort Schlange standen, um ihre Notebooks und Handys aufzuladen, brachte ihn auf seine Geschäftsidee: er kaufte einen Wohnwagen und baute ihn zur mobilen Ladestation um. Die skurrile Optik mit Windkraftanlage, Solarzellen, leuchtenden Energiewürfeln und Fahrrad zum Selberstrampeln machte „The Electric Hotel“ bald zum Kult- und Kommunikationstreffpunkt für Festivalbesucher.

The Electric Hotel vor dem Brandenburger Tor

Die Originalität und der Erfolg seiner Idee brachten ihm 2010 die Auszeichnung als Kreativpilot ein. Sein Electric Hotel hatte er am Tag der Konferenz publikumswirksam vor dem Brandenburger Tor geparkt, für ca. 1,- Euro konnte man dort sein Handy aufladen.

Den Vortrag von Kristina Wißling „Origami für die Industrie“ fand ich auch beim zweitenmal spannend – ich hatte ihn erstmals auf der Fokus-Veranstaltung der KKW-Initiative am 25. Mai im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie in Berlin gehört. Im Gedächtnis geblieben ist mir diesmal vor allem die Antwort auf eine Publikumsfrage zur Andwendbarkeit der Falttechniken auf andere Materialien. Ihr kurzer Kommentar dazu: „Ich kann alles falten!“

Creative Stage konnten wir live erleben – doch welche Eventformate eignen sich am besten, um das Kreativpotenzial von Künstlern und Kulturtreibenden traditionellen Wirtschaftsunternehmen näherzubringen? Darüber sprach Moderatorin Nadine Portillo mit den anwesenden Experten und fragte nach Ideen und Beispielen aus dem Publikum.

  • v.l. Nadine Portillo, Dr. Titus Kockel, Michael Bleks

    „Kreative sind sehr bescheiden“, meint Strategieberater Michael Bleks, „eigentlich sollten sie selber Formate für die Wirtschaft entwickeln. Traditionelle Unternehmen hingegen sollten dorthin gehen, wo die Kreativen arbeiten. Nur dort kann man deren Arbeit und das kreative Flair hautnah erleben.“

  • Dr. Titus Kockel vom Zentralverband des Deutschen Handwerks plädierte dafür, Handwerker zu fördern, deren Berufe vom Aussterben bedroht sind, um deren Wissen zu erhalten, sie in einen neuen Kontext zu stellen und so neue Berufsbilder zu finden. Auch sollte das Handwerk sich stärker zeigen, in der Wirtschaft und an den Hochschulen. Dafür sollten neue Formate entwickelt werden.
  • Aus dem Publikum kamen mehrere Anregungen: Jörn Gamnitzer, Unternehmensberater für Dienstleistungsentwicklung (servicekreativ.de), plädierte dafür, den Nutzen des Kreativangebots für die Industrie herauszuarbeiten. Zum Beispiel in Form eines Kataloges, in dem diese Angebote systematisch gesammelt und dargestellt werden.
  • Um Kreative in ihrem Arbeitsumfeld kennenzulernen eignet sich das Format Vision Talk, deshalb stellte ich das Projekt vor als Beispiel, wie Begegnungen von traditioneller und Kreativwirtschaft praktisch funktionieren könnte. Seit März 2010 organisiere ich offene Treffen bei wechselnden Gastgebern in Berlin, die jeweils Gelegenheit haben, sich und ihr Projekt zu Beginn des Treffens vorzustellen.

Antje mit Kreativpilotin Nele am Infostand des Nürnberger Waschsalons Trommelwirbel

In der Mittagspause besuchte ich die Infostände der Kreativpiloten 2011 im axica-Foyer und lernte Nele und Petra kennen, die Gründerinnen des Kult-Waschsalons „Trommelwirbel“ in Nürnberg, einer Mischung aus Waschsalon, Wäscherei, Cafe-Bar, Bistro und Kulturzentrum. Schon rein optisch kam man an diesem Stand kaum vorbei, ohne innezuhalten, und – schwupps – drückte mir Nele eine Postkarte in die Hand mit dem Hinweis: „Heute schreibt fast niemand mehr von Hand eine Postkarte. Mit diesen vorgedruckten Exemplaren ermutigen wir die Leute, mal wieder einen persönlichen Gruss abzuschicken – ganz traditionell auf dem Postweg.“ Begeisterung steckt an und man spürt: Die beiden Kreativpilotinnen stecken voller Ideen – in ihrem Waschsalon können sie sie alle ausprobieren! Schade, dass Nürnberg soweit weg von Berlin ist, aber vielleicht eröffnet demnächst eine Filiale in der Nachbarschaft?!

Am Nachmittag diskutierten Experten die Frage „Wie bewegt Kultur- und Kreativwirtschaft die Gesamtwirtschaft, Gesellschaft und Politik?“ auf dem Podium.

Christoph und Max vom betahaus bei der Auszeichnung der Bewegungsmelder 2011

Anschließend rief Moderatorin Katrin Bauerfeind Vertreter von 16 Initiativen aus ganz Deutschland auf die Bühne und verteilte Auszeichnungen als „Bewegungsmelder 2011“ für deren Verdienste rund um die Kultur- und Kreativwirtschaft. Aus Berlin gehörte das betahaus zu den Preisträgern, ein Co-Working-Space für Kreative am Moritzplatz, der mittlerweile Filialen in Hamburg und Köln eröffnet hat und dabei ist, über die Grenzen Deutschlands hinaus zu wachsen. Zusammen mit den Kreativpiloten hat die KKW-Initiative aus den Preisträgern und Institutionen eine kreative Landkarte zusammengestellt, die auf der Konferenz präsentiert wurde.

Kreative Landkarte Deutschland

Die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft wurde 2007 von der Bundesregierung ins Leben gerufen, um „die Wettbewerbsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft zu stärken und (…) die Erwerbschancen innovativer kleiner Kulturbetriebe sowie freischaffender Künstlerinnen und Künstler zu verbessern.“

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